Archiv für den Monat: Oktober 2008

Zu Gast in arabischen und jüdischen Familien

c1e257bb92cdfbc42032dda75bb60d1cSo wirklich konnte sich niemand von unserer Gruppe aus 24 Schülern, die von Frau Verbeet und Frau Hüßner begleitet wurde, etwas unter Israel, dem Land und dem Leben dort, vorstellen. Wir waren über Nacht geflogen und vor Aufregung hatten die Wenigsten geschlafen. Es begann mit einem Bad im See Genezareth bei Sonnenaufgang. Die ersten vier Tage verbrachten wir damit die Gegend im Norden Israels zu erkunden. Dabei durften natürlich die christlichen Stätten, wo Jesus sich aufgehalten haben soll, die Golanhöhen und Städte wie Akko und Nazareth nicht fehlen. Für die Nächte wohnten wir im Kibbutz Ein Harod in einer sehr angenehmen Atmosphäre. Wir waren aber nicht nur nach Israel gekommen, um touristische und christliche Stätten zu besuchen sondern auch, um ein wenig über das alltägliche Leben in diesem doch sehr einzigartigen Land zu erfahren. Deshalb waren wir alle sehr gespannt am Mittwoch, den 1.10 in die arabische Stadt Qalansua in der Mitte Israels zu kommen und dort unsere Gastfamilien, bei denen wir eine Woche wohnen sollten, kennen zu lernen. Das einzigartige an diesem Austausch war, dass wir Deutschen auf sowohl muslimisch-arabische Familien als auch jüdische Familien aufgeteilt wurden. Denn die jüdische Schule in Tel Mond, das sehr nah an Qalansua liegt und die arabische Schule in Qalansua richteten diesen Austausch gemeinsam aus. Als wir uns dann in den Familien etwas eingelebt und unsere Austauschpartner besser kennen gelernt hatten, fanden einige vom israelischen Bildungsministerium organisierte Workshops statt, in denen es um Werte und Identität ging; interessante Themen, um sie in einem Kreis von Christen, Moslems und Juden zu diskutieren. Auch hatten wir Deutschen hierbei die Gelegenheit unser Leben in den arabischen und jüdischen Familien zu vergleichen. Die in der arabischen Stadt wohnenden Mädchen hatten sehr viel weniger Freiheiten als die bei den jüdischen Familien, dafür eine auf Grund der ausgelassenen Lebensart der Araber die Chance diverse Tänze und Tanzstile kennen zu lernen. Während die Juden eine ähnliche Lebensweise haben wie wir Deutsche, lernen die Schüler in den arabischen Familien eine bislang unbekannte Kultur kennen. Ein mehrtägiger Ausflug nach Jerusalem war ein Höhepunkt unserer Reise. Das erste, was uns schon bei der Ankunft in Jerusalem auffiel, waren die vielen Orthodoxen Juden, die man aufgrund ihre Kleidung und Hüte leicht ausmachen konnte. Wir kamen zu einer Zeit der höchsten jüdischen Feiertage nach Jerusalem. Auch hier besichtigten wir natürlich den Tempelberg, stiegen auf den Ölberg und besuchten weitere christliche Stätten. Glücklich über ein wenig Freizeit, verbrachten wir die Nachmittage feilschend auf dem Bazar oder genossen den einmaligen Blick über Jerusalem von der Dachterrasse unseres Hotels. Nach einer anstrengenden, aber sehr schönen Wanderung in der Oase En-gedi, durften wir endlich selbst testen, ob das mit dem Liegen ohne Anstrengung im Toten Meer funktioniert. In 18 Tagen Israel haben wir nicht nur die wunderschöne Landschaft, bedeutungsvolle Stätten, Hummus, Baklava und Falafel lieben gelernt, sondern auch tolle Familien und das Leben in dieser doch fremden Kultur kennen gelernt.

Zine Homburger

Gruß aus Rom

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…soeben erreichte uns dieser photographische Gruß unseres 3. Semesters, das zur Zeit bei bestem Wetter auf Studienfahrt in Rom weilt.

kk|malkowski 7.10.08

„Der Baader-Meinhof-Komplex“

e8b42c4aeda1b119040a5cd81aed0e1aBesuch des LK Deutsch im Cinemaxx
„Die Personen sind zu soft gezeichnet.“ „Man wird ja zum Sympathisanten!“ „Vor lauter Action verliert man die Zeitumstände aus dem Blick.“ Mit diesen Vor(?)-Urteilen gingen wir ins Kino – zumindest ich, der ich die Zeit bewusst erlebt habe; die SchülerInnen offen, man weiß wenig über die Zeit und den Terrorismus in Deutschland in den späten sechziger und siebziger Jahren.
Hippies am FKK-Strand von Sylt, romantisches Reetdachhaus, spielende Kinder. Wird das ein Hippie-Film? Die Bundesrepublik Deutschland im Aufbruch, Jugendliche rebellieren gegen die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit ihrer Elterngeneration. Ulrike Meinhof, eine sympathische junge Frau (Martina Gedeck), hervorragende Kolumnistin, Mutter zweier Kinder, politisch und sozial engagiert, spürt: Mit meinen Artikeln gegen und über diese Gesellschaft bewirke ich keine Veränderung, ich möchte etwas verändern, etwas bewirken. Am 14. Mai 1970 – der Film läuft vielleicht eine gute Viertelstunde – springt Ulrike Meinhof aus dem Fenster des Zentralinstituts für Soziale Fragen in West-Berlin. – Vorausgegangen ist die Befreiung von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der auf Betreiben seines Anwalts Horst Mahler (Simon Licht) aus der Haftanstalt in Tegel ins Zentralinstitut gebracht worden war. Wir sehen nach knapp zwanzig Minuten die Schlüsselszene.Ulrike Meinhofs Sprung in den Untergrund. Gewalt. Hier fällt die Entscheidung für Gewalt. Die ehemalige Starkolumnistin Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalak) wollen gegen das kämpfen, was sie als das neue Gesicht des Faschismus begreifen: Die US-amerikanische Politik in Vietnam. Es reicht nicht mehr zu schreiben und zu demonstrieren; zu schreiben über den Nahost-Konflikt, zu protestieren gegen die Ungerechtigkeiten und Hungersnöte in Afrika, die Machenschaften der Justiz und der Industrie und der Politik. Und so erklärt die von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin gegründete erste Generation der Roten-Armee-Fraktion Deutschland den Krieg. –
Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger hat einen wirklich guten Kinofilm nach Stefan Austs Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gemacht: Das ist zumindest das Urteil der SchülerInnen noch am späten Abend – die Vorstellung beginnt um 20 Uhr und endet gegen 23 Uhr einschließlich Werbung und Vorschau – in einem ersten einschätzenden Gespräch – und am nächsten Morgen in der ausführlichen Reflexion und Diskussion. Spannend. Informativ. Gute Bilder. Eine Zeitreise. Ja, so könnte es gewesen sein. Erschütternd, dass Menschen zu solchen Aktionen getrieben wurden, sich haben treiben und hinreißen lassen, dass Menschen so viel Brutalität und kriminelle Energie entwickeln können. Und die Brutalität der Polizei!
„Was hat schließlich zur Gründung der RAF geführt? – „Was ging denn Ulrike Meinhofs Sprung aus dem Fenster voraus?“ Der Schah-Besuch in West-Berlin am 2. Juni 1967: Bestellte persische Studenten in dunklen Anzügen, Claqueure für den Schah und Farah-Diba, Polizisten, die wütend auf die protestierenden Studenten einschlagen, ein Polizist erschießt den Studenten Benno Ohnesorg. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein legen Brandbomben in den Kaufhäusern Schneider und Kaufhof in Frankfurt, um gegen den „Völkermord in Vietnam“ zu protestieren. Attentat auf Dutschke durch Josef Bachmann, Baader und Ensslin tauchen in Frankreich und Italien unter. All das zeichnet der Film in gelungenen Bildern und interessanten, spannenden Dialogen, sensibler und zugleich gnadenloser Kameraführung nach. Am 4. April 1970 wird Andreas Baader verhaftet. Moritz Bleibtreu gelingt es genial, diesen egozentrischen, ja selbstverliebten, radikalen Macho zu spielen. Martina Gedeck als Ulrike Meinhof mutiert von der sensiblen, nachdenklichen, kritischen jungen Frau, Mutter und Journalistin zur verblendeten und verbitterten Terroristin.
Der 14. Mai 1970 – die Befreiung Andreas Baaders und der erwähnte Fenstersprung Ulrike Meinhofs gelten heute als Geburtsstunde der RAF, die in den folgenden Jahren die Republik verändert. Collageartig zeichnet der Film diese Veränderungen in der Bundesrepublik, die Veränderungen in den Charakteren der Hauptakteure und ihres Umfeldes nach: Banküberfälle, Großfahndungen, der neue BKA-Präsident Horst Herold (Bruno Ganz) revolutioniert die deutschen Fahndungsmethoden mit modernster Technik, und immer wieder: neue Überfälle, noch mehr Gewalt, Eskalationen der Brutalität. Am 1. Juni 1972 beginnt die größte Fahndungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik, die „Aktion Wasserschlag“, die Republik ändert sich, verändert sich; der schwarze September: Palästinenser erschießen elf israelische Sportler und einen Polizisten bei der Olympiade in München, fünf Terroristen werden erschossen. – Der Film vermittelt den Eindruck: Die Bundesrepublik befindet sich im Krieg, im Krieg mit den Terroristen.
Terror, Gewalt, Wut, Hass eskalieren. Stammheim – Prozess und Haftbedingungen, das erleben wir beeindruckend, hautnah, beängstigend, aus allernächster Nähe. Und dann die Erschießung Hanns Martin Schleyers, hoher deutscher Industriefunktionär, dunkle Vergangenheit, grausamer Tod in einem Waldstück in Belgien. So werden wir aus dem ca. 150 Minuten dauernden Film entlassen. Aufgewühlt, nachdenklich, bedrückt verlassen wir das Cinemaxx.
Nein, die Personen sind nicht zu soft gezeichnet, man wird nicht zum Sympathisanten der Terroristen, sondern zu ihrem Gegner, zum Verurteiler jeglicher Gewalt, alles andere als einen Hippie-Film haben wir gesehen. Ausgezeichnete Leistungen der ersten Garde der deutschen SchauspielerInnen. – Gab es auch Schwächen? Auch das macht die engagierte und vielschichtige Diskussion am nächsten Vormittag deutlich: Der Film arbeitet mit vielen, mit sehr vielen „Special Effects“, die wir aus RTL- und SAT 1-Verfilmungen und aus Hollywood und Babelsberg zur Genüge kennen. Es wird geballert – viel – zuviel? Und die Vertreter des Staates? Sind BKA-Chef Herold und der Stammheim-Richter zu typisiert, zu negativ dargestellt?
Viele Bilder machen diesen Film aus, lassen uns nachdenklich, hilflos, traurig zurück.

Helge F. Sturm