„Der Baader-Meinhof-Komplex“

e8b42c4aeda1b119040a5cd81aed0e1aBesuch des LK Deutsch im Cinemaxx
„Die Personen sind zu soft gezeichnet.“ „Man wird ja zum Sympathisanten!“ „Vor lauter Action verliert man die Zeitumstände aus dem Blick.“ Mit diesen Vor(?)-Urteilen gingen wir ins Kino – zumindest ich, der ich die Zeit bewusst erlebt habe; die SchülerInnen offen, man weiß wenig über die Zeit und den Terrorismus in Deutschland in den späten sechziger und siebziger Jahren.
Hippies am FKK-Strand von Sylt, romantisches Reetdachhaus, spielende Kinder. Wird das ein Hippie-Film? Die Bundesrepublik Deutschland im Aufbruch, Jugendliche rebellieren gegen die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit ihrer Elterngeneration. Ulrike Meinhof, eine sympathische junge Frau (Martina Gedeck), hervorragende Kolumnistin, Mutter zweier Kinder, politisch und sozial engagiert, spürt: Mit meinen Artikeln gegen und über diese Gesellschaft bewirke ich keine Veränderung, ich möchte etwas verändern, etwas bewirken. Am 14. Mai 1970 – der Film läuft vielleicht eine gute Viertelstunde – springt Ulrike Meinhof aus dem Fenster des Zentralinstituts für Soziale Fragen in West-Berlin. – Vorausgegangen ist die Befreiung von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der auf Betreiben seines Anwalts Horst Mahler (Simon Licht) aus der Haftanstalt in Tegel ins Zentralinstitut gebracht worden war. Wir sehen nach knapp zwanzig Minuten die Schlüsselszene.Ulrike Meinhofs Sprung in den Untergrund. Gewalt. Hier fällt die Entscheidung für Gewalt. Die ehemalige Starkolumnistin Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalak) wollen gegen das kämpfen, was sie als das neue Gesicht des Faschismus begreifen: Die US-amerikanische Politik in Vietnam. Es reicht nicht mehr zu schreiben und zu demonstrieren; zu schreiben über den Nahost-Konflikt, zu protestieren gegen die Ungerechtigkeiten und Hungersnöte in Afrika, die Machenschaften der Justiz und der Industrie und der Politik. Und so erklärt die von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin gegründete erste Generation der Roten-Armee-Fraktion Deutschland den Krieg. –
Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger hat einen wirklich guten Kinofilm nach Stefan Austs Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gemacht: Das ist zumindest das Urteil der SchülerInnen noch am späten Abend – die Vorstellung beginnt um 20 Uhr und endet gegen 23 Uhr einschließlich Werbung und Vorschau – in einem ersten einschätzenden Gespräch – und am nächsten Morgen in der ausführlichen Reflexion und Diskussion. Spannend. Informativ. Gute Bilder. Eine Zeitreise. Ja, so könnte es gewesen sein. Erschütternd, dass Menschen zu solchen Aktionen getrieben wurden, sich haben treiben und hinreißen lassen, dass Menschen so viel Brutalität und kriminelle Energie entwickeln können. Und die Brutalität der Polizei!
„Was hat schließlich zur Gründung der RAF geführt? – „Was ging denn Ulrike Meinhofs Sprung aus dem Fenster voraus?“ Der Schah-Besuch in West-Berlin am 2. Juni 1967: Bestellte persische Studenten in dunklen Anzügen, Claqueure für den Schah und Farah-Diba, Polizisten, die wütend auf die protestierenden Studenten einschlagen, ein Polizist erschießt den Studenten Benno Ohnesorg. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein legen Brandbomben in den Kaufhäusern Schneider und Kaufhof in Frankfurt, um gegen den „Völkermord in Vietnam“ zu protestieren. Attentat auf Dutschke durch Josef Bachmann, Baader und Ensslin tauchen in Frankreich und Italien unter. All das zeichnet der Film in gelungenen Bildern und interessanten, spannenden Dialogen, sensibler und zugleich gnadenloser Kameraführung nach. Am 4. April 1970 wird Andreas Baader verhaftet. Moritz Bleibtreu gelingt es genial, diesen egozentrischen, ja selbstverliebten, radikalen Macho zu spielen. Martina Gedeck als Ulrike Meinhof mutiert von der sensiblen, nachdenklichen, kritischen jungen Frau, Mutter und Journalistin zur verblendeten und verbitterten Terroristin.
Der 14. Mai 1970 – die Befreiung Andreas Baaders und der erwähnte Fenstersprung Ulrike Meinhofs gelten heute als Geburtsstunde der RAF, die in den folgenden Jahren die Republik verändert. Collageartig zeichnet der Film diese Veränderungen in der Bundesrepublik, die Veränderungen in den Charakteren der Hauptakteure und ihres Umfeldes nach: Banküberfälle, Großfahndungen, der neue BKA-Präsident Horst Herold (Bruno Ganz) revolutioniert die deutschen Fahndungsmethoden mit modernster Technik, und immer wieder: neue Überfälle, noch mehr Gewalt, Eskalationen der Brutalität. Am 1. Juni 1972 beginnt die größte Fahndungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik, die „Aktion Wasserschlag“, die Republik ändert sich, verändert sich; der schwarze September: Palästinenser erschießen elf israelische Sportler und einen Polizisten bei der Olympiade in München, fünf Terroristen werden erschossen. – Der Film vermittelt den Eindruck: Die Bundesrepublik befindet sich im Krieg, im Krieg mit den Terroristen.
Terror, Gewalt, Wut, Hass eskalieren. Stammheim – Prozess und Haftbedingungen, das erleben wir beeindruckend, hautnah, beängstigend, aus allernächster Nähe. Und dann die Erschießung Hanns Martin Schleyers, hoher deutscher Industriefunktionär, dunkle Vergangenheit, grausamer Tod in einem Waldstück in Belgien. So werden wir aus dem ca. 150 Minuten dauernden Film entlassen. Aufgewühlt, nachdenklich, bedrückt verlassen wir das Cinemaxx.
Nein, die Personen sind nicht zu soft gezeichnet, man wird nicht zum Sympathisanten der Terroristen, sondern zu ihrem Gegner, zum Verurteiler jeglicher Gewalt, alles andere als einen Hippie-Film haben wir gesehen. Ausgezeichnete Leistungen der ersten Garde der deutschen SchauspielerInnen. – Gab es auch Schwächen? Auch das macht die engagierte und vielschichtige Diskussion am nächsten Vormittag deutlich: Der Film arbeitet mit vielen, mit sehr vielen „Special Effects“, die wir aus RTL- und SAT 1-Verfilmungen und aus Hollywood und Babelsberg zur Genüge kennen. Es wird geballert – viel – zuviel? Und die Vertreter des Staates? Sind BKA-Chef Herold und der Stammheim-Richter zu typisiert, zu negativ dargestellt?
Viele Bilder machen diesen Film aus, lassen uns nachdenklich, hilflos, traurig zurück.

Helge F. Sturm