Aufgeriggt – Klassenfahrt auf Raumwindkurs

Im Zeitalter der Fernreisen zu Aldi-Preisen weht ja jedem Klassenlehrer, der eine pädagogisch wertvolle Unterrichtsauszeit plant, eine steife Brise in die vom Hamburger Arbeitszeitmodell ohnehin schon geröteten Augen. Wer dennoch gegen den Zeitgeistwind kreuzen will, dem helfen beim Aufriggen des Segels ein paar einfache Regeln:

1. Bewegen ist besser als Bewegt-werden.
Die Sonneninsel Fehmarn liegt vor der Haustür, warum also in der Ferne schweifen? Dort gibt es außer Sonne auch Strand, Wind, Wasser und Wanderwege – genug Auftrieb also für fünf Julitage Abenteuerurlaub mit einer sechsten Klasse, besonders, wenn man am Ende den Surfgrundschein des VDWS (Verband Deutscher Wassersport Schulen) erwerben kann.
Am besten, man quartiert sich in Strukkamp ein, denn dann kann man täglich 6 km zum Wulfener Hals wandern, wo die ausgezeichnete Surfschule in einem Campingplatz mit weiteren Bewegungsmöglichkeiten liegt. Am ersten Tag geht man dank der Anweisungen der Insel-Rallye sogar ein paar Kilometer weiter, springt sich auf großen Trampolinen ein wenig warm, spielt ein bisschen Fußball und absolviert dann die ersten drei Surfstunden, um am Abend mit gutem Appetit zum reichlichen, warmen Abendessen zurückzuwandern. Für manches der zarten Großstadtpflänzchen war das dann schon Aktivität genug, die anderen konnten nach dem Essen noch Tischtennis oder Volleyball spielen. Nicht wenige fragten schließlich, ob man nicht auch schon vor der absoluten Nachtruhezeit schlafen gehen könnte.
Auch die übrigen Tage boten Auslauf genug: Joggen ab halb sieben (zwischen 3 und 8 km), die unvermeidlichen Wanderungen, drei Stunden Surfen, Bretter zum Strand tragen, Segel aufriggen, sich in die Neo’s (Neoprenanzüge) hineinpressen und wieder herauspellen, im Freibad des Campingplatzes schwimmen, Fußball spielen usw. Die heilsamen Effekte eines solchen Aktivurlaubs waren bei den gemeinsamen Mahlzeiten zu beobachten: Schon am dritten Tag erfolgte die Nahrungsaufnahme in Zimmerlautstärke und erstaunlich zivilisiert.

 

2. Weniger ist mehr!
Fünf Tage ohne Fernsehen, Internet, Funktelefon und tragbare Individualbeschallungsanlagen – niemand ist am Medienentzug gestorben, man hat miteinander geredet statt sich autistisch vollzudröhnen und dem nur mäßig musikalischen Klassenlehrer gelang es sogar einmal, die wandernde Mädchennachhut zum Selbstsingen zu bringen: „Die Affen rasen durch den Wald…“ (und Moderneres).
Leben in einer Discounter-freien Zone – auch das haben wir überlebt und gemerkt, dass man mit einem reichlichen Frühstück, einem Lunch-Paket und einem guten, warmen Abendessen nicht darben muss. Außerdem: dass Selbstgegrilltes umso besser schmeckt, je mehr Appetit man hat – der Grillabend war ein Erfolg! Schließlich: dass die mitgebrachten Leckereien der drei Geburtstagskinder noch besser sind, wenn man sich nicht wie sonst mit Süßigkeiten vollgestopft hat.

3. Aller guten Dinge sind drei.
Drei Stunden Surfkurs am Tag, drei zusätzliche Stunden freies Surfen unter Aufsicht, drei Fuß Wasser unter dem Kiel (das sicherste Anfänger Surf-Revier, das ich kenne), drei begleitende Kollegen (einer in jeder Größe), dreimal Dank: an Hartmut für seine mehr als großzügige Hilfe beim Aufriggen und Segeln der Reise und für sein sonniges Wesen, Kompliment und Dank an Tim für sein professionelles Engagement bei der ersten Klassenreise als Referendar und Dank an alle Schüler, die durch ihre Fröhlichkeit, Witzigkeit, gemeinschaftliches und positives Denken und Handeln soviel Wind gemacht haben, dass die Klassenfahrt so richtig ins Gleiten kam.

ag