Im Rudel durchs Dorf und die Sau aufs Dach

9ce851f08b328aa066881a52906edcd1-1Gruppendynamik pur beim Kollegiumsausflug nach Stade
Stade, 17.8.2011. Wären Bildung und Erziehung eine Sportart, müsste man wohl von einem Mannschaftssport sprechen, der von einzelnen ausgeübt wird. Dass es sich im Rudel besser heulen lässt, hat sich längst auch unter uns pädagogischen Einzelkämpfern herumgesprochen, zumal ein wesentlicher Unterschied zwischen Lehrern und Terroristen darin liegt, dass letztere von Sympathisanten umgeben sind. So wurde der diesjährige, revolutionärerweise am Schuljahrsanfang liegende Ausflug nach Stade von aktuellen und ehemaligen Kollegen mit Ungeduld erwartet.
Als kleiner Geniestreich erwies sich der nach der vierten Unterrichtsstunde in den Lehrerzimmern bereitgestellte kleine Imbiss, an dem auch die ansonsten wegen schulischer Termine Verhinderten noch teilnehmen konnten. Außerdem konnte sich das Rudel so noch ein wenig beschnuppern, bevor das heimische Revier in kleinen Jagdgrüppchen verlassen werden musste. Die Nahrungsmittelzuteilung erfolgte ganz in klösterlicher Tradition: zu wenig zum Sattwerden, zu viel zum Verhungern – nicht ungeschickt, denn ein voller Bauch wandert nicht gern und für den Abend lockte schon ein solides Festmahl auf der Stader Insel.
Ökologisch korrekt (von einer kleinen Gruppe Umweltbanditen abgesehen) ging es weiter mit U-Bahn und Metronom, dessen zweite Etage himmelweit über die platten Marschlande rechts und links des Bahndamms hinausragte und schwindelerregenden Weitblick sowie luftige Gespräche gewährte. Am Fuße der Stader Altstadt angekommen schwärmten wir aus in die überschaubare Bahnhofshalle, die wenig Essbares bot – die beiden freundlichen Fremdenführer der Stade-Tourismus GmbH waren tabu. Also sublimierten wir unsere Fresssucht in schlichten Wissenshunger und lauschten unserem Faktotum, dessen Telefonat mit den orientierungslosen Umweltbanditen in den hinteren Reihen schon als etwas strukturloser Vortragsbeginn wahrgenommen wurde. Dann aber ging es richtig los und Herr F. begann mit seiner Lieblingsfrage: „Ich fang dann mal an, ist das okay?“ Klar, zumal seine Bemerkung zum die Stader Stadttore symbolisierenden Kunstwerk mit solidarischem Kopfnicken begleitet wurde: „Ich hab‘ das nie verstanden“. Gar nicht norddeutsch kühl wurde uns die wechselvolle Stader Geschichte anhand herausragender Bauten nähergebracht. Herrn F.s sympathischer Lokalpatriotismus war aufrichtig gastfreundlich und durchaus weltoffen tolerant…, wären da nicht die Schweden gewesen, die zwar Zeughaus und Schwedenspeicher hinterließen, aber mit 1000 Soldaten und nur 700 Frauen aufkreuzten und – die Entrüstung war ehrlich, auch wenn das alles ein wenig zurückliegt – „aufgenommen werden mussten, privat!“ Zur Entwicklung späterer Herrscherdynastien wurden auch biologische Erklärungen geliefert: „und, bums, nach neun Monaten kam das Kind zur Welt“. So gingen wir durch die historische Altstadt und der Vortrag bis in die Gegenwart, bis zum herben Verlust eines Stader Ratsherrn, des Herrn Rieckhof, der nun Hamburg, zum Glück die „schönste Stadt der Welt“, mit seiner Sparsamkeit beehrt. Wir sind freundlich-ernst geblieben und haben ihm nicht verraten, warum Dozenten und Fremdenführer selten Lehrergruppen mögen: Die lieben nämlich die Regression auf die Schülerrolle; was ja durchaus die Empathie mit den (partiell) Bildungswilligen verstärkt.
Nicht bei allen blieb auch nach der Stadtführung der Bildungshunger vorherrschend und so strebten nur die besonders Zähen in die sehenswerte Picasso-Ausstellung im Kunsthaus. Kleinere Rudel griffen die in friedvoller, kleinstädtischer Zartheit daliegenden Cafés und Eisdielen an oder plünderten die Schokoladenschätze der Hansestadt. Abends aber scharrten sich wieder alle um den stürmischen Leitwolf des Tages, dessen überlegenes Organisationstalent vermutlich sogar die Rückkehr des Sommers vorausgesehen hatte. Die abendliche Speisung fand unter einem warmen Reetdach, in würdiger, fachwerklicher Ummauerung statt, und jeder bekam, was er wollte, zügig und solide zubereitet. Diesmal wurde eine weniger spartanische klösterliche Tradition befolgt: das Mahl als Gemeinschaftserlebnis. Die Tischrede des grauen Leitwolfs traf alle ins Mark: „Wir sind zusammen alt geworden“ hieß es da, und das sei ja nicht mehr zeitgemäß. Aber natürlich hatte er recht, auch wenn ‚älter‘ statt ‚alt‘ jünger (und damit wahrer) geklungen hätte: Eine kollegiale Solidargemeinschaft aller Lehrer und Mitarbeiter, wie sie die Ansgarschule seit Jahren auszeichnet, sucht man an vielen Schulen vergeblich. Das zeigen die Treue und die bleibende Nähe der Ehemaligen ebenso wie die Stimmung an solchen Tagen, die auch dazu helfen, die unvermeidliche Sau gelegentlicher Konflikte nicht lange durchs Dorf laufen zu lassen, sondern gleich auf das Dach zu treiben – wie der Stader Schlachter Bömmelburg.

ag | kk