Archiv für den Monat: Dezember 2011

Vorbilder und Nachmacher

12313a5eb0a06748dc2555ebd68018abFeierliche Enthüllungen am Friedrich-von-Spee-Tag
Sankt-Ansgar-Schule, 21.12.2011. Dieses Jahrzehnt scheint keine Zeit zu sein für leuchtende Vorbilder. Plagiatoren stolpern über die eigene Gedankenarmut, Staatenlenker über die Verachtung ihrer eigenen Völker. Da war es mutig, unser neues Gebäude nach einem Menschen zu benennen, dem unser kollektives Gedächtnis überraschend wenig Erinnerungsraum lässt: Friedrich von Spee, Jesuit (1591-1635). Am Mittwoch wurde an der ganzen Schule die vierte Stunde als „Spee-Stunde“ gestaltet, sowohl in den Klassen und Kursen als auch in einer kleinen Liturgie in der Kapelle und im Eingangsbereich des Spee-Hauses, deren Höhepunkt die Enthüllung eines von Tanh-Huyen Nguyen unter Mithilfe von Claudia Blazejczyk und Nancy Twork (3. Semester) hergestellten Gemäldes des Jesuiten war. Es ging darum, das Vorbildhafte dieses wirksamsten Kritikers der mittelalterlichen Hexenprozesse in die Gegenwart zu spiegeln und wie dies wohl am besten geht, zeigte uns der Pater selbst, als er plötzlich in der Kapelle auftrat, im langen, schwarzen Talar, ernst, aber zugewandt: Aus seinem „güldnen Tugendbuch“ las er das eindringliche Gleichnis vom Mühlstein und dem Spinngewebe vor.
„Ich frage [euch]: Wenn ein großer, mächtiger Mühlstein vom Himmel herunterfiele und … ihr ein großes, dicht gewirktes Spinngewebe ausbreitet, um ihn aufzufangen, damit er wie ein Ball zurückspringe, würde der Mühlstein sich halten lassen? Oder würde … er alles zerreißen, indem er durch das Netz hindurchfiele?…
Der Mühlstein zerreißt mit einem Ruck das Spinngewebe. …
… Recht geantwortet! Nun merkt [euch]: Alle unsere Schuld und Missetaten sind gegen die Barmherzigkeit unseres allmächtigen Gottes nicht anders zu rechnen als ein Spinngewebe gegen den … Mühlstein.“
Anschließend bemerkte er ernüchtert, dass er wohl noch heute gebraucht werde, weil noch immer zu viel von Schuld und Sündhaftigkeit und zu wenig von Gottes Liebe und Barmherzigkeit gesprochen werde. Die Mächtigen damals und heute sind von dem begnadeten Prediger und Lyriker und von dem engagieren Mahner gegen die Inquisition und die Fehlorientierungen der Gegenreformation wenig begeistert, sonst würden wir heute nicht bloß seine Weihnachtslieder singen, sondern uns auch an seinen Namen erinnern. Seinen Glauben an die alles verändernde Kraft der Liebe Gottes nachzumachen, ist alles andere als ein Plagiat – es fordert die ganze Person und schenkt, wovon man nie genug bekommen kann, selbst an Weihnachten: Glücksgefühle.

Andreas Goletz de Ruffray | Knud Kamphues

O Heiland reiß’ die Himmel auf – Adventsveranstaltung der KSJ

03b408c6b7b209c7b495240eb0c05994Ist es vermessen, Jugendliche danach zu fragen, was ihnen Hoffnung verleiht? Gilt doch die Jugend gerade als Hoffnungsträger einer Gesellschaft. Obwohl: In einer Umgebung, die zunehmend von der Krise spricht, in der traditionelle Deutungsmuster nicht mehr funktionieren und in der trotz all der Unterhaltungsangebote nicht mehr länger über die Ungewissheit der Zukunft hinweggetäuscht werden kann – hat nicht gerade die Jugend ein Recht darauf, in ihrer Suche nach Hoffnung ernst genommen zu werden? Aus dieser Überlegung heraus lud die KSJ diesen Advent Schüler dazu ein, miteinander Texte zu teilen, die Mut machen, der Wirklichkeit in ihrer Fragwürdigkeit zu trauen.
Um dem Bild Friedrich von Spees, das als Titel der Veranstaltung fungierte, ein wenig näher zu kommen, fand das Gespräch in 109 Metern Höhe auf dem Turm der Michaeliskirche statt. Und tatsächlich: War Hamburg an jenem Dienstag durchweg in Nebel gehüllt, riss dieser gut eine Stunde vor unserer Veranstaltung gleichsam wie in Spees Gedicht auf. Bei kristallklarer Aussicht auf die nächtliche Hansestadt vermittelte so bereits das Ambiente, dass allein ein Perspektivwechsel, die schlichte Erhebung aus dem Alltag, die Welt in einem anderen Licht erscheinen lassen kann: Die Geschäftigkeit der Einkaufspassagen, das Gedränge auf den Straßen, die Sorgen in der Schule – all das kann für einen Moment in eine wohltuende Distanz geraten, in der die Undurchschaubarkeit der Welt, das vermeintlich Chaotische in eine tröstende Ordnung geraten darf.
Gleichermaßen fasziniert wie durchfroren versammelte sich die Gruppe nach einer Stunde auf der Aussichtsplattform im darunterliegenden Café, um sich darüber auszutauschen, was den einzelnen Hoffnung gibt. Textbeispiele aus der Literatur, der Popkultur und dem Fernsehen hatten bei all ihrer Wertschätzung der Erfahrung von wahrer Freundschaft und dem daraus resultierenden Vertrauen das Nachsehen. Ganz im Sinne Sean Saures muss demnach gesagt werden, dass die größten Menschen diejenigen sind, die anderen Hoffnung geben können. Ergo: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1 Petr 3,15)

Frater Simon Lochbrunner SJ | KSJ Hamburg