Archiv für den Monat: Februar 2012

Szenische Lesung mit Ines Burdow

3d33e081f81c779569f0197014e105a517. Februar, Sankt-Ansgar-Schule. Es ist mittlerweile eine gute Tradition, dass am zweiten der beiden Elternsprechtage vormittags für das jeweilige zweite Semester ein spezielles Projekt angeboten wird zum Thema DDR. In diesem Jahr hatten wir die Schauspielerin und Schriftstellerin Ines Burdow und ihren Lebensgefährten Frank Diersch zu uns in die Sankt-Ansgar-Schule eingeladen.

Ines Burdow, eine sehr offene, engagierte und herzliche Frau, stammt aus Straußberg, östlich von Berlin. Sie ist in der DDR sozialisiert worden, in einer Familie, in der ihr die Schauspielerei nicht in die Wiege gelegt wurde. Im Jahr der deutschen Einheit wurde sie 18. Sie nähert sich an diesem Freitagvormittag der bekannten und streitbaren DDR – Autorin Brigitte Reimann in einem von ihr selbst geschriebenen Text literarisch an, der Brigitte Reimann, die auch im Westen eine viel gelesenen Autorin war und ist: Sensibel, mit großer Empathie, realistisch zeichnet Ines Burdow das Bild der Autorin von Franziska Linkerhand. Franziska Linkerhand, eine junge Frau, Protagonistin im gleichnamigen Roman, ist eine lebenshungrige, kompromisslose, visionäre junge Architektin. Die biographischen Übereinstimmungen der Franziska Linkerhand mit der Autorin Brigitte Reimann verdeutlicht uns Ines Burdow in ihrem wirklich atemberaubenden Spiel in dieser szenischen Lesung. Streng frisiert, bleich geschminkt, große dunkle Augen, eine klare tiefe Stimme lassen in unserer nüchternen Pausenhalle die 1933 geborene Brigitte Reimann, bereits mit 40 Jahren an Krebs verstorben, präsent werden. Die Schauspielerin besticht mit knappen Gesten, lässt ihre Protagonistin aus den Tagebuchaufzeichnungen als Autorin in der DDR vorlesen, ihr Geständnis auf dem DDR – Schriftstellerkongress, für die Stasi als IM gearbeitet zu haben, überlistet worden zu sein, diesen Auftrag verzweifelt und öffentlich wieder zurückzugeben; so etwas hat es in der vierzigjährigen DDR – Geschichte nur einmal gegeben.
Der Roman „Franziska Linkerhand“ gehört für mich zu den beeindruckendsten und schönsten Büchern der deutschen Nachkriegsliteratur, Brigitte Reimann zu den herausragenden Dichterpersönlichkeiten der deutschsprachigen Literatur; Ines Burdow ist eine ungewöhnlich talentierte, souveräne und flexible Schauspielerin ohne Allüren, ohne Pathos, die mit viel Herzblut spielt. – Brigitte Reimann – Franziska Linkerhand – Ines Burdow: Drei faszinierende Frauen. Begleitet wird die Schauspielerin von ihrem Lebensgefährten Frank Diersch, Kunstschaffender in der Hauptstadt, der in die Szenenfolge minimalistisch Musik einspielt.
Wir danken Ines Burdow für einen wirklich grandiosen szenischen Vortrag, einen lockeren, freundlichen, spannenden Dialog mit unseren SchülerInnen über Kunst, den Beruf des Schauspielers, das Leben in einem fernen Land namens DDR. Als wir uns schließlich im Lehrerzimmer nach einem intensiven Gespräch bei Kaffee und Tee voneinander verabschieden, ist das Gefühl entstanden, sich schon lange zu kennen, in vielem übereinzustimmen. Wir hoffen und freuen uns auf ein möglichst baldiges Wiedersehen mit Ines Burdow und Frank Diersch.
Unser Dank gilt dem Sponsor der Veranstaltung, der Konrad-Adenauer-Stiftung in Hamburg, die sämtliche Kosten der Veranstaltung übernommen hat.
Helge F. Sturm | Foto: Homepage von Ines Burdow

 

Die Welle

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Eine Aufführung in der Sankt-Ansgar-Schule am 24.02.2012
„Wie entsteht Faschismus?“- „Wie kam es zum millionenfachen Mord an den europäischen Juden?“ – „Warum haben die Deutschen das mitgemacht?“ – Diese Fragen stellen die Schülerinnen und Schüler der Gordon High School ihrem jungen Geschichtslehrer Ben Ross, hervorragend gespielt von Hans Jurisch: Sehr nachdenklich, sehr ernst ist dieser engagierte Lehrer, der seine SchülerInnen ernst nimmt, ihre Fragen, ihre Stimmungen. – Ben Ross möchte seinen SchülerInnen alle Fragen beantworten, ohne sie mit trockenen Texten zu langweilen und er möchte sie aus ihrer Lethargie, aus ihrem ich – bezogenen Verhalten herausreißen, und er entschließt sich dazu, in seiner Klasse ein sehr ungewöhnliches Experiment durchzuführen. -
Spielleiter Thomas Brauer hat den 1981 in den USA unter dem „The Wave“ erschienene Roman mit seinen S4-SchülerInnen aus dem DSP-Kurs frei interpretiert, ohne die Botschaft zu verändern. – Erst am Tag zuvor haben die SchülerInnen der SAS – wie alle SchülerInnen in Hamburg – eine Gedenkminute für die Opfer der in den vergangenen Jahren von Neonazis ermordeten Mitbürger – neun Türken, ein Grieche und eine junge deutsche Polizistin – abgehalten. Man spürt in der Stille unserer zum Theaterraum umgestalteten Pausenhalle das Bedrückende dieser Morde und die Aktualität des Stückes. -
„Sobald wir einmal mit dem Experiment angefangen hatten, spürte ich, dass sie mehr davon wollten: Sie wollten diszipliniert werden. Und jedes Mal, wenn sie eine Regel beherrschten, verlangten sie eine neue. Ich bin ganz sicher, dass es für sie mehr als ein Spiel war“, sagt Ben Ross zu Christie, seiner Frau, authentisch verkörpert von Antonia Brandt, ihre Beziehung leidet unter dem immer befremdlicher werdenden Verhalten der jungen Menschen. „MACHT DURCH DISZIPLIN! MACHT DURCH GEMEINSCHAFT! MACHT DURCH HANDELN!“ Die Welle durchdringt die Gehirne im Sinne eines Brain Washing. Robert, ungeliebter Außenseiter in der Klasse, wird durch die Welle zum akzeptierten Mitglied der Bewegung, entsprechend ist sein Einsatz, sein Enthusiasmus, ein besonderes Kompliment gebührt Jan Brühl, der in der Rolle des Robert aufgeht, ja über sich hinauswächst. – Besonders hervorzuheben ist auch Lea Sophie Krosanke, die neben der Rolle der Diana Meyer kurzfristig auch die Rolle der Schulleiterin Frau Owens für die erkrankte Tonya Klatt übernimmt. Anrührend das Spiel von Nadine Günther als Marie und Nele Mai als Paula, sie leben in einer eigenen Welt. – Ist die Welle noch zu beherrschen? – Ein überraschendes dramatisches Ende erwartet die ZuschauerInnen, die der SAS-Company am Ende einen gigantischen Applaus spendieren, sehr zu Recht. Denn sämtliche Rollen sind bravourös besetzt, wir erleben ein wunderbares Ensemble, in dem niemand abfällt oder „an die Wand gespielt“ wird. – In weiteren Rollen Ruth Marheinecke als Laurie, Richard Barringer als David, Fabian Sigmund als Andi, Tore Vormizeele als Alex, Cari Lehmann als Scarlett, Madleen Faber als Andrea, Lucas Mohr als Brad, Anna Lena Schenk als Charlie, Emmelie Weichmann als Amy und Laura Kählert als Romy.
Professionell wie immer die Technik der Kittel-Brothers, Tobias und Niels, seit Jahren als Ehemalige unserer Schule eng verbunden.
Ein beeindruckender, berührender, auch beklemmender Theaterabend. Eine Wiederholung ist wünschenswert!!„Der schlimmste Fehler ist, sich keines solchen bewusst zu sein.“ Thomas Carlyle

Helge F. Sturm | Knud A. Kamphues

 

Unter Strom

b5e379ed0b7c27ae5147d93efb5d913cBesinnungstage der 7 a im Kloster Nütschau: die wahren Abenteuer   Was haben Bombendrohungen und Hochspannungsleitungen miteinander und mit den alljährlichen Besinnungstagen unserer 7. Klassen zu tun? Mehr als man denkt, doch nun hübsch der Reihe nach. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Bad Oldesloe war Bruder Johannes gerade dabei, 32 Koffer in den Kummer gewohnten Kastenwagen des Klosters zu schichten, um uns den Fußmarsch gen Travenbrück zu erleichtern, als der Bahnhofsvorsteher würdevollen, aber gewichtigen Schrittes auf uns zukam. Bahnhof und Vorplatz seien unverzüglich zu räumen, man habe eine Bombendrohung erhalten, nein, es sei keine Zeit, die letzten Gepäckstücke zu verstauen, man müsse handeln. Norddeutscher Humor ist ja bekanntlich, wenn’s keiner merkt und niemand lacht, und so lachte auch niemand. „Naja, Ihr könnt zu Ende packen, falls sich jemand findet, dem der rote Koffer gehört, der in der Bahnhofshalle steht.“ Nur ein winziges Glitzern in seinen Augen verriet, dass der Beamte es genoss, den armen Stadtkindern einen gesunden Adrenalinstoß verpasst zu haben, der uns auf der Sechs-Kilometer-Wanderung durch vereiste Felder und Wälder zugutekam.

Im Jugendhaus des Klosters Nütschau warteten andere Abenteuer auf uns: gruppendynamische Übungen und Gesprächskreise, Fantasiereisen, Meditationen und die Teilnahme am Stundengebet der Mönche, für die meisten eine ebenso befremdliche wie berührende Erfahrung. Am Donnerstag bereiteten Pendelübungen auf freiem Feld und bei eisigem Nordwind auf den Höhepunkt der Besinnungstage vor – die Überwindung des Stromkabels ohne jegliche Hilfsmittel außer der eigenen Person und der Gruppe. Wie das geht und was passiert, lässt sich nicht schildern, nur erleben. Nur soviel: Es hilft zu erkennen, dass die wahren Abenteuer nicht immer draußen stattfinden oder den anderen passieren – wer lernt, die Augen zu öffnen und die inneren Antennen auszurichten, kann kein langweiliges Leben mehr führen. Obendrein gab’s die Erfahrung gratis, dass es noch spannender wird, wenn man das Leben mit anderen teilt, sei es, um nachts möglichst lange nicht einzuschlafen, um gemeinsam Probleme zu lösen oder um miteinander Freude zu erleben.
Ein ganzes Dorf ist nötig, um ein Kind zu erziehen, hat Hillary Clinton einmal gesagt. Herzlichen Dank an die Benediktiner, besonders an Bruder Johannes und Benedikt, an die KSJ-Leiter, die wieder einmal hervorragend gearbeitet haben und bei Bedarf zur Brücke zwischen Schülern und Lehrern wurden, und an die Leiter der Besinnungstage, unsere Religionslehrer.
Bombendrohung und Hochspannungsleitung? Nicht der lebt intensiv, der sich am Leben der anderen berauscht, sondern der, der Spannung an das eigene zu legen versteht. Solange Schule das vermitteln kann, bleibt sie unersetzlich.

Andreas Goletz de Ruffray (Klassenlehrer der 7a)